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Musiktexte 97 |
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Tabula rasa
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Zu einer neuen Compactdisc mit Musik von Jürg Frey |
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von Manfred Karallus |
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Musik und Physis: Daß uns ein
punktierter
Notenwert in geradzahligem Takt geradezu wie ein martialisches Relikt aus
vorvergangener Zeit vorkommen kann, zeigen uns unzählige Kompositionen aus
neuerer Zeit. Punktierte Strukturen lösen ja
in der Regel einen neuronalen Juckreiz aus, sie spornen, stacheln an,
lösen eine innere Hüpfbewegung aus. Nicht zufällig sind Tanz- und Marschmusik, Gesellschafts- und
Repräsentationsmusik von solchen Strukturen durchzogen. Von der Französischen
Ouvertüre bis zu den unzähligen Hymnen auf Stalin signalisieren sie eine
positive Haltung, eine innere Habachtstellung, deren man sich spätestens seit Schönbergs „Tanz um das Goldene
Kalb" bewußt sein sollte, wo die somatische Erregung im Tanz sich
zu jener Form von Eifer, muskelgewordenen
Geists, steigert, die den Täter kennzeichnet und bei Schönberg die Masse als
Täter entlarvt. Nietzsches Kritik am
unaufhörlichen „Sieg des Optimismus" - er wirkt sich
mittlerweile zum Schaden für die Welt und alles menschliche Leben aus -beginnt hier zu greifen. |
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Ich weiß nicht, ob Jürg Frey
punktierte Notenwerte bewußt meidet. Jedenfalls gibt es
sie in seiner Musik nicht, der Musik, die er vor zwanzig Jahren geschrieben hat, so wenig wie seiner neuesten, einer
so entspannten wie entspannenden Musik, der nichts so unzuträglich wäre wie
etwa eine scharf akzentuierte punktierte
Achtelnote. Aber Jürg Frey komponiert auch nicht im herkömmlichen
Sinn ästhetischen Agierens. Er „läßt" es aus dem Innern heraus
„geschehen". Sinnbild für seine
Schaffensweise ist die tabula rasa, das leere Blatt, über das er wie folgt reflektiert: „Wenn ich das leere Blatt vor mir habe, dann steht zwar nichts darauf,
aber es sind schon sehr viel Sachen darauf ... Musiken, die ich geschrieben
habe, oder Stücke, die es schon gibt, ich betrachte dieses Blatt nicht als
leer. Im Gegenteil: Ein Teil meiner Arbeit ist es, dieses Blatt überhaupt einmal leer zu bekommen, alles, was drauf ist, bevor ich den ersten
Ton geschrieben habe, davon wegzunehmen, es verschwinden zu lassen und dann
in einem Arbeitsprozeß das auf das Blatt kommen zu lassen, was vielleicht meine Musik ist." |
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Jürg Frey zählt zu jenen Komponisten um Antoine Beuger
und Radu Malfatti, denen das ,Geschehenlassen' ein zentrales Anliegen ihrer Arbeit darstellt. Solche
Musik gehört anders gespielt als herkömmliche.
John McAlpines Klavierspiel macht
uns bewußt, wie wenig solche Musik
ein Studium der Klavierakrobatik verlangt als vielmehr ein Studium
des Anschlags und der Gesetze des
Verklingens, ein Studium über leergemachten Zeit-Raum und des darin
stattgegebenen künstlerischen
Ereignisses. |