gottfried
wanner
GODOT IST GEKOMMEN
eine
monologische szene
- für
reinhold koch -
personen: godot
r.
(beide
männliche subjekte)
godot und r. sitzen in mittelständischer alltagskleidung
(godot etwas legerer, r. etwas gediegener ausgestattet) auf einfachen
holzstühlen an einem kleinen tisch.
godot sitzt zurückgelehnt in einem gewissen abstand vom
tisch, so dass er bequem die beine übereinander schlagen kann. er hält die
ganze zeit eine großformatige tageszeitung aufgeschlagen in den händen, hinter
der er während der gesamten szene verborgen bleibt. er schlägt nur ein paar mal
die beine abwechselnd übereinander und sagt die ganze zeit nichts.
r. sitzt schreibend und
sinnierend am tisch. ab und zu unterbricht er diese tätigkeit und spricht die folgenden sequenzen. es bleibt
dem darsteller des r. überlassen, welche sequenzen oder sätze er vor sich hin
oder hinaus ins leere spricht, und mit welchen er sich an godot wendet, der
aber sowieso auf nichts reagiert.
r.:
es wird also dabei bleiben.
*
es gibt schlechterdings kein entkommen. noch als tote gehen
wir über in das, was vor uns und ohne uns schon war, was immer es war. das
nichts ist eine illusion.
*
die materie ist ein irrtum. es ist nicht die frage, ob
sie existiert; dass sie existiert, ist der irrtum.
*
unsere existenz zeigt
zuallererst, dass man sich nicht einmal auf das nichts verlassen kann. das ist
trost und verhängnis zugleich.
*
nichts ist so evident wie die existenz der materie. bei
unseren versuchen, ihre struktur zu ergründen, verflüchtigt sie sich in
mathematische abstraktionen. an ihrer basis stoßen wir ins leere.
*
der urknall: eine zufällige explosion des nichts,
hervorgerufen durch einen strukturfehler. nicht einmal das nichts ist
vollkommen. als es sich auch nur einen augenblick anmaßte, eine struktur zu
besitzen, explodierte es.
*
nicht das leben ist eine „marotte der materie“, wie cioran
meinte, sondern die materie selbst ist die marotte. der urknall war eine
marotte des nichts.
*
es war zu erwarten, dass du nichts sagst.
*
natürlich ist das nichts nur eine idee und setzt als solche
die existenz der materie voraus. seine differenzierung ist ein ästhetisches
projekt.
*
zufall und unendlichkeit:
zunächst nur eine semantische variation auf den titel „zufall und
notwendigkeit“.
raum und zeit sind fragen der konstitution. die weisen, wie
materie sich konstituiert, sind zufällig; notwendig nur, insofern ihre konstitution
auch interne regeln entfaltet (die naturgesetze). das endliche ist
zufällig, die ausnahme, die auch uns bestimmt. das unendliche steht jenseits
des zufalls, es ist identisch mit dem nichts, von keiner notwendigkeit berührt,
die nichtevidenz an sich.
die unsterblichkeit kann nur eine idee der sterblichen sein.
das universum ist diejenige ausnahme, die uns ihre regeln
vor die füße geworfen wie auch in unseren verstand versenkt hat. das ist das anthropische
prinzip, ein elaborat der reflektierenden sterblichkeit.
*
das sein ist die erbärmlichste ausnahme, die die regel des
nichts zugelassen hat. wir müssen auslöffeln, was uns das nichts in einem
schwächeanfall eingebrockt hat.
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deine haltung respektiere ich natürlich.
*
der zufall produzierte schließlich auch die idee des
zufalls. und die ruhmsüchtige materie entlockte ihm den schlüssel zur
entdeckung ihrer selbst.
*
der urknall war die universale katastrophe schlechthin, die
katastrophe an sich, die explosive geburt des seins aus dem nichts, die
sinnlose materialisation des potentiellen, welche die materialität aller
katastrophen ermöglichte, der verrat der ewigkeit.
der absturz eines sich selbst nicht mehr genügenden nichts
in die fatalen selbstbespiegelungen eitler materie.
*
die welt selbst ist das urteil, das sie verdient hat.
*
das sein ist das in die niederungen der sucht herabgekommene
nichts. seine droge ist die materie.
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die zwecke sind so endlos wie die gründe. in der mitte
sitzen wir und wissen nichts.
wir wissen nicht einmal, ob wir ins nichts hinein-
oder hinausgehalten sind.
*
die experten des gehobenen geschmacks mögen darüber
streiten, in welchem maß dein kommen dem metaphysischen, dem ontologischen oder
dem dialektischen kitsch zuzuschreiben ist.
*
ich finde keine rechtfertigung der welt, die über ihre
faktizität hinausginge. einen schluss von der faktizität auf ihre notwendigkeit
gibt es nicht. es gibt nur die endlose tautologie ihrer faktizität.
*
selbstverständlich übernehme ich sämtliche unkosten.
*
das alles, von dem beispielsweise die mathematiker sagen, es
existiere, oder, falls es gegeben wäre, was alles daraus folge, verleiht dem in seinem inneren
steinschwer lastenden sein eine geradezu immaterielle leichtigkeit zu seinen
rändern hin. einige seiner anthropomorphen blüten entfalten sich auf jener
ebene reiner vorstellungen und abstrakter begriffskomplexe, auf der wir unser
verständnis von der substanz als
struktur der materie suchen: dort,
wo das für uns greifbare der materie,
ihre komplementären erscheinungsformen als masse und energie in raum und zeit,
sich längst aufgelöst hat. dort verschwindet das, was für uns immer schon
evident war, unsere basis und herkunft, die welt, aus der wir selbst, unsere
erfahrungen und unser vermögen, sie zu analysieren, unsere zerebrale potenz,
gewachsen sind, in einer wolke geistiger konstrukte. gleichwohl tragen diese
wiederum, bei aller scheinbar luziden raffinesse, notwendig den stempel der
begrenztheit ihrer organischen herkunft. so dass unser dasein, so gewaltig seine
historischen bilder, so blutig und grausam seine spuren sind, sich immer in
jenem nebelhaften fraktal verlieren wird, in welchem die welt und unsere
vorstellungen von ihr niemals sich berühren können.
*
die verlautbarungen der der erdrinde entkommenen, den
verheißungen des sauerstoffs zugewandten kreatur platzten in das sanft
brausende konzert, dessen dirigent die bedeutungslosigkeit ist und das für kein
ohr bestimmt war.
*
in sternloser nacht eine vollständig geschlossene, hohle
kugel. ihre glatte innenwand sei vollkommen verspiegelt, in ihrem zentrum
befinde sich eine lichtquelle.
diese kugel sei unendlich groß, die lichtquelle unendlich
klein, unendlich hell und unendlich schwer.
sonst existiere nichts.
*
ein mann, der die reine zeit, bar jeglicher beimischung von
ereignissen, erkunden sollte, legte sich auf die lauer. das war vor
undenklichen zeiten. man fand ihn jetzt in einer alpinen eisspalte, in seinen
zügen die spuren gelassener melancholie.
***