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Doris
Kösterke |
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Neunstündige
Insel |
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Der
Kölner Künstler Mauser hat die 521 Strophen der "Lieder der Nonnen aus
dem Garten Gautamo Buddhos", eines buddhistischen Textes aus dem
Pali-Kanon, in kalligraphischen Lettern auf 11 schwere Büttenbögen im Format
1,30 mal 2,30 geschrieben - und ausradiert. |
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Das
Ausradieren war für Mauser nur zu konsequent. Denn das Abschreiben, so sagte
er, sei für ihn eine intensive Form der Auseinandersetzung mit dem Textinhalt
gewesen. Der vermittelte ihm den Wert des Schweigens. Deshalb sollten auch
die Bilder schweigen. - "Das Ausradieren war mindestens genau so viel
Arbeit, wie das Schreiben", sagte Mauser. |
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Die
Leere, die Stille als Produkt einer aufwendigen Leistung zu begreifen war ein
Schlüssel, um auch mit der mehr als neun Stunden füllenden Komposition von
Antoine Beuger etwas anfangen zu können, die in Mausers Atelier vor den
ausradierten Büttenbögen aufgeführt wurde. Beugers aus dem garten ist
Mauser gewidmet und bezieht sich auf dessen Werk. |
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Der
Notentext zu diesem Stück "für zwei ausführende" umfaßt nur 6
Textzeilen: "ein ton. / eher kurz. / sehr leise. / die beiden
ausführenden haben abwechselnd 10 minuten zeit. / in ihrer jeweiligen zeit
spielen sie einmal den ton oder bleiben still. / das stück dauert mehrere
stunden". |
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Die
Uraufführung besorgten die holländische Sängerin Patricia van Oosten und
Beuger selbst mit der Flöte. |
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Der
Anfang des Stückes lag im Unklaren: Antoine Beuger saß schon eine ganze Weile
auf seinem Stuhl, als die Tür zum Atelier geschlossen wurde. Patricia van
Oosten kam nach, verglich ihre Stoppuhr mit Beugers und setzte sich auf ihren
Platz. Keine dieser Handlungen gab Auskunft darüber, ob das Stück damit nun
begonnen hätte, oder nicht. Aber die Atmosphäre begann sich zu verdichten: Im
Bewußtsein, daß da etwas geschah, das man Gefahr lief zu stören, schlossen
Hinzukommende leise die Tür hinter sich und schlichen auf Zehenspitzen zu
einem freien Platz. Verkehrsgeräusche, unglaubwürdig laut lachende Menschen
im Garten vor dem Atelier - die Tür war zu, und damit fühlte man sich alledem
vorübergehend enthoben. Schopenhauer schien zu grüßen, und natürlich John
Cage, der Beuger über weite Strecken seines Lebens immer wieder am
nachhaltigsten beeindruckt hat. |
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An
der Grenze der Hörbarkeit erschien ein Ton von Antoine Beuger. Geschärft
durch die feinen, völlig unregelmäßigen Schwingungen dieses Flötentons
widmete sich die Aufmerksamkeit umso stärker den Lauten der Stille. Der
Abstand zum Alltag vergrößerte sich zusehends und die Augen lustwandelten
über die schweren Büttenbögen aus Mausers Arbeit an den Wänden: hier und da
war noch ein Stückchen Wachsstift übriggeblieben. Vertiefungen im Papier
zeugten von der Kraft, mit denen es einmal beschrieben worden war. |
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Anlaß,
sich hier eingefunden zu haben, war, daß zwei Leute etwas taten. Aber dennoch
kamen Patricia van Oostens Kopftöne immer wieder unerwartet, wie unwirklich,
und dabei mit so reicher Körperresonanz, so rund, so weich, so luftig, daß
man sich schon auf den nächsten freute. |
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Das
Abenteuer des Stillseins konnte man zu jeder Zeit unterbrechen, wärend das
Stück seinen weiteren Verlauf nahm. Der Verlockungen dazu waren viele: das
schöne Wetter draußen, die in der Laube aufgestellten Speisen und Getränke
und vor allem die Neugier, wer die anderen Menschen waren, die sich zu dieser
in landläufigem Sinne doch recht ausgefallenen Form der Freizeitgestaltung
hier eingefunden hatten. Eine Zeit lang wirkte die heiter gelassene
Aufmerksamkeit wie ein aus Energiefäden gesponnenes Netz. Aber nach etwa 5
1/2 Stunden begann die Frage, ob Beuger hier nicht einfach nur um des Auf-Die-Spitze-Treibens
willen etwas auf die Spitze trieb, doch unerträglich zu drängeln. |
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Für
ihn sei immer besonders interessant, wie ein Stück aufhört, hatte Antoine
Beuger einmal gesagt, und etwa zwanzig Minuten vor dem erwarteten Schluß der
Aufführung steigerte sich die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu einer ungeahnten
Intensität. Ob die beiden Ausführenden ihren Ton von sich geben würden, oder
nicht, wann er kommen und wie er sich gestalten würde, war den ganzen Tag
über eine spannende Frage geblieben. Nun widmete man sich ihr wie einem
seltenen Besucher, der in wenigen Minuten abreisen würde. Eine besondere
Delikatesse war, daß niemand recht wußte, wie lange genau das Stück gehen
würde. Die Zusammengekommenen verharrten jedoch auch dann noch für etwa
zwanzig Minuten im Schweigen, als das Stück ganz eindeutig zuende war. |
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Ein
Stück Wahrnehmungs- und Bewußtseinskunst - zweifellos. Aber wie steht es mit
den handwerklichen Aspekten dieser Komposition? - "Die Komposition ist
eine Konsequenz aus meiner Arbeit der letzten acht Jahre", sagte der
1955 in den Niederlanden geborene Komponist. - "Was ich eigentlich schon
immer wollte, war auf der einen Seite viel Stille, und auf der anderen Seite
eine große Variationsbreite innerhalb der Klangereignisse", sagte er.
"Vor etwa vier Jahren habe ich noch, aufgefächert nach möglichst vielen
Merkmalen, genau angegeben, wie welcher Ton klingen soll. Aber dann habe ich
gemerkt, daß ich mir um die Verschiedenheit der Klänge keine Gedanken machen
muß, wenn ich die Situation präzis genug festlege, aus der heraus sie
entstehen. Einerseits schaffe ich ein gleichbleibendes Raster, auf dem die
Verschiedenheiten als solche erfahrbar werden", sagte Antoine Beuger.
"Und andererseits formuliere ich die Bedingungen so, daß das
herauskommt, was ich hören möchte. Zum Beispiel steht da die Formulierung 'eher
kurz', weil die Singstimme einige Zeit braucht, um ihren Ton leben zu lassen.
Bei der Flöte ist es anders. Da erreicht man die größtmögliche
Verschiedenheit der Klänge, wenn man nicht recht im Spiel drin ist". Was
ihm das Wichtigste gewesen wäre? - "Daß ich für neun Stunden meine Ruhe
hatte. Ich war wie auf einer Insel". - Auf einer neunstündigen Insel im
reißenden Strom des Gelebtwerdens. |
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