Texte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Grundsätzliche Entscheidungen (1997)

 

 

 

die kunst, die liebe (1999)

 

 

 

programmnotiz (2000)

 

 

 

Eva-Maria Houben: Antoine Beuger, unwritten page – Unschärfe des Scharfen, Schärfe des Unscharfen

 

 

 

Doris Kösterke: Über den Komponisten Antoine Beuger (1999)

 

 

 

Doris Kösterke: Neunstündige Insel

 

 

 

 

 

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Grundsätzliche Entscheidungen

 

 

 

 

 

 

 

Es gibt die Frage nach der Materie ("Aus was setzt sich Musik zusammen") und die Frage nach der Form ("Wie macht sie das"). Die Materie der Musik ist das allgegenwärtige Rauschen der Welt, das heißt: alles, was klingt. Ihre Form ist der jeweilige Ausschnitt, den sie aus dieser unendlichen Mannigfaltigkeit herausschneidet. Kein Gesetz bestimmt, wie sie bei diesem Schnitt vorzugehen hat. Kein Ausschnitt ist grundlegend oder ursprünglich. Musik kann unendlich viele Formen annehmen, die weder aufeinander noch auf eine ideale Grundform zurückzuführen sind.

 

 

 

Es ist möglich, sich die Welt als ein unendliches monotones Rauschen vorzustellen: eine Überfülle von Differenzen, in der nichts gleich ist, eine nie entwirrbare Komplexität, eine Gleichzeitigkeit ohne Zeit, da alles immer da ist und sich nichts verändert. Die Monotonie des Unendlichen. Alle Musik, die es jemals gegeben hat oder geben wird, ist in diesem Rauschen enthalten. So wie der Stein jede Skulptur enthält, die aus ihr herausgearbeitet werden kann.

 

 

 

Musik wird aus der chaotischen, dennoch irgendwie "stummen" Materie herausgeschnitten, ihr gleichsam entzogen, oder vielleicht entrissen. Ihre jeweilige Eigenart wird ganz durch diesen Schnitt bestimmt. Der Schnitt kann ganz einfach sein oder überaus diffizil. Meistens wird er sich aus vielen Teilschnitten zusammensetzen. Es kann sehr grobe Schnitte geben oder extrem feine, präzise. Es kann weiche Schnitte geben oder harte, dünne oder dicke. Manche sind leicht nachzuvollziehen, andere schwer. Die Schnitte haben Namen: Barock, Klassik, Romantik; oder: Josquin, Händel, Haydn, Debussy; oder: später Beethoven, früher Boulez, später Nono.

 

 

 

Ebensowenig wie sich das Kontinuum aus Punkten zusammensetzt, kann man sagen, daß sich das große Rauschen aus Beethoven, Nono, Cage, undsoweiter zusammensetzt. Sie sind lediglich enthalten. Und genauso wie der Schnitt in das Kontinuum den Punkt erst erzeugt, kommt das, was wir Beethoven, Cage oder La Monte Young nennen, erst durch den Schnitt zustande. Der Schnitt produziert etwas, das zwar immer schon enthalten war, das es aber so noch nicht gab.

 

 

 

Der Schnitt holt eine Musik aus der zeitlosen Gleichzeitigkeit des Weltrauschens hervor und bringt sie damit zur Existenz. Plötzlich ist diese Musik da. Sie tritt aus der Anonymität des Enthaltenseins heraus und ist auf einmal selber etwas, steht für sich, bildet eine eigene Welt. Ihre "Geburt" in der Zeit ist genau zu lokalisieren.

 

 

 

Oftmals kehrt sie auch wieder in das stumme Enthaltensein zurück, gerät in Vergessenheit, oder wird dem "Rauschen des Bekannten" zugefügt: Klassik-Radio, Hintergrundmusik, musikgeschichtliches Lexikon, Allgemeinbildung. Sie wird zum Element dessen, was es gibt.

 

 

 

Das Rauschen des Bekannten: was es so gibt, was man so weiß, worüber man sich unterhält, worüber man eine Meinung hat. John Cage macht dies erfahrbar in Musicircus: so viel wie möglich unterschiedliche Musiker und Musikgruppen spielen im gleichen Raum gleichzeitig ihre Musik.

 

Oder in 33 1/3: soviel wie möglich Plattenspieler auf die soviel wie möglich Schallplatten gleichzeitig aufgelegt werden. Oder im Rozart Mix: minimal 88 Bandschleifen werden gleichzeitig abgespielt. Ergebnis: ein Rauschen, in das die Musiken aufgehen, ein reines Klang-Werden, das heißt Rückkehr in die reine Mannigfaltigkeit der Klangdifferenzen.

 

 

 

Neue Schnitte ereignen sich immer in einer bestimmten historischen Situation. Sie sind Ereignisse dieser Situation. In einer anderen Situation wären sie nicht möglich. Gleichzeitig aber sind sie der Situation fremd. Sie sind nicht in sie einzuordnen. "Schönberg" war ein Ereignis der spätromantischen Musik. Er war in ihr enthalten. Gleichzeitig aber war er in ihrem Rahmen nicht denkbar, eine solche Musik konnte nicht sein. Das Ereignis schlägt ein Loch in die vorhandene Ordnung und zieht eine grundsätzliche Umstrukturierung dieser Ordnung nach sich. Wer von dem Ereignis ergriffen wurde, wird sich für diese Umstrukturierung im Sinne des Ereignisses einsetzen.

 

Schönberg ist mittlerweile normalisiert. In der Situation in der wir uns befinden, gibt es ihn, man kann sich über ihn unterhalten, eine Meinung über ihn haben: er gehört zur neuen Situation dazu.

 

 

 

Die Materie der Musik ist immer gleich: das zeitlose Rauschen, das sich zusammensetzt aus allem, was klingt. Die Vielfalt ihrer möglichen Formen ist unendlich: alle Schnitte, die im Rauschen enthalten sind. Immer aber, wenn das Ereignis eines neuen Schnittes eintritt, gibt es nur eine Möglichkeit: "so und nicht anders". Der Schnitt in das Rauschen, der im Sinne der Natur vollkommen arbiträr ist (jeder Schnitt ist gleichermaßen wahrscheinlich), erhebt als geschichtliches Ereignis einen Wahrheitsanspruch (den Anspruch, eine, nicht die Wahrheit zu sein) und forciert ein neues Wahrnehmen, ein neues Empfinden, ein neues Denken.

 

 

 

Nachdem Cage sein stilles Stück 4'33'' komponiert hatte, hat sich sein Leben - und nicht nur sein Leben - geändert. Es wurde ein Leben im Sinne von 4'33''. Ein Leben um den Wahrheitsanspruch zu erfüllen, der sich seiner durch das 4'33''-Ereignis bemächtigt hatte.

 

Einem Ereignis treu sein heißt: den neuen Wahrnehmungen und Empfindungen, die durch dieses Ereignis geschaffen wurden, nachgehen, sie fördern, sie weiterentwickeln: alles herausfinden und herausbringen, was in ihnen enthalten ist. 4'33'' treu sein heißt: es immer wieder hören; wahrnehmen, was beim Hören passiert; Absichtslosigkeit üben; immer wieder Möglichkeiten finden, wie sich Musik als reines Erklingen ereignen kann.

 

 

 

Die reine Differenzialität dessen, was es gibt. Man braucht sich um die Differenzen nicht kümmern. Sie brauchen uns nicht um auf ihre Kosten zu kommen. Sie sind nicht darauf angewiesen von uns anerkannt zu werden. Sie sind da. Sie sind das, was es gibt. Jeder Klang ist anders. Es gibt keine Wiederholung. Der Schnitt in das Rauschen definiert sich in 4'33" als bloße Zeitangabe, als Dauer.

 

Als Schnitt. In diesem Stück wird Musik zum ersten Mal in ihrer Beschaffenheit als Schnitt erfahrbar. Sie präsentiert sich direkt als Ausschnitt aus dem unendlichen Rauschen, nämlich der Ausschnitt, in dem wir uns während der Aufführung des Stückes gerade befinden.

 

 

 

Die Musik bekommt den Charakter einer Präsentation, wird einer Versuchsanordnung vergleichbar. Komponieren heißt nicht mehr: Differenzen und Differenzverkettungen erfinden, sondern Ausschnitte schaffen. Möglichst einfache, durchschaubare Rahmenbedingungen unter denen sich die Musik, wie von selbst, ereignen kann. Anders gesagt: unter denen sich der Klang in seiner ganzen natürlichen Differenzialität für die Wahrnehmung entfaltet.

 

 

 

Das kann auch ein einzelner Klang sein. Jeden Klang, den wir hören, haben wir so noch nie gehört und werden wir nie wieder so hören. Daß es keine Wiederholung gibt, zeigt gerade die Wiederholung eines Klanges. In der Wiederholung ist der Klang ein anderer.

 

 

 

In der Musik, die sich als Musik nach dem Ereignis 4'33'' versteht, ist nicht der Klang, sondern der Schnitt selbst der Gegenstand der kompositorischen Tätigkeit. Komponiert wird das Verfahren, mit welchem aus der unendlichen Mannigfaltigkeit aller Klänge ein neuer Ausschnitt, eine neue Wahrnehmungsmöglichkeit gewonnen wird. Komponieren ist das Entwerfen eines Schnittverfahrens. Der Komponist entschneidet, wie geschnitten wird, die Musik ergibt sich aus diesem Verfahren.

 

 

 

Stellen wir uns ein Stück für Orgel vor. Der Organist spielt anfänglich einen gehaltenen Ton, beliebig welchen. Nach frühestens 10 und spätestens 40 Minuten beendet er den Ton. Nach frühestens 60 und spätestens 90 Minuten beendet er das Stück.

 

 

 

Aus der Gesamttätigkeit des Organisten wird in dieser Komposition einen winzigen Ausschnitt ent-schieden: das Niederdrücken und Loslassen einer Taste. Diese Tätigkeit bringt einen ebenso winzigen Ausschnitt aus allen Klängen, die eine Orgel zu erzeugen vermag, hervor: einen Ton. Wie der Ton anfängt; wie er klingt; wann und wie er aufhört; wie die Stille nach dem Aufhören klingt; wann und wie das Stück endet: dies alles ist konstitutiv für das Erlebnis des Stückes. Trotzdem ist es kein Gegenstand der Komposition, sondern ereignet sich erst in der Aufführung. Die Komposition besteht aus einigen grundsätzlichen Entscheidungen bezüglich der Bedingungen des zu entstehenden Ausschnitts. Das, was nachher den Zuhörer ergreift, nämlich die Begegnung mit dem, was sich in der Aufführung real ereignet, ist Folge der kompositorischen Entscheidungen, entzieht sich aber dem direkten kompositorischen Zugriff.

 

 

 

Ein solches Komponieren, das sich dem Ereignis, das heißt: der Begegnung mit dem Realen, öffnet, ist ohne John Cage undenkbar. Es ist immer der Versuch einer Antwort auf die Frage: "Wie geht es nach 4'33'' weiter?", oder anders formuliert: "Was ist in 4'33'' noch an Unbekanntem enthalten".

 

 

 

 

 

Antoine Beuger, 1997

 

 

 

 

 

Texte

 

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antoine beuger

 

 

 

die kunst, die liebe

 

 

 

 

 

 

 

und was ist mit der kunst?

 

 

 

was hat sie mit der liebe zu tun?

 

 

 

ist nicht die liebeserklärung die eröffnung eines doppelraums?

 

 

 

ist die liebe etwas anderes als der einbruch der zwei in die kontinuität der eins?

 

 

 

was ist die liebesbegegnung, wenn nicht die emporhebung zweier menschen, zweier ahnungslos in ihrer existenz verweilenden und um deren ungestörten fortsetzung sich mühenden lebewesen, in das ihre angelernten fähigkeiten rücksichtslos überschreitende spiel der spaltung?

 

 

 

mitnichten macht die liebe aus zwei eins. sie macht aus dem einen, der ich bin, zwei, indem sie mich auf immer von meiner geliebten trennt.

 

 

 

im liebesschwur "ich liebe dich" wird die trennung ausgesagt: wir sind zwei; ich weiß nicht, wer du bist; ich werde nie etwas über dich wissen, aber ich befinde mich mit dir, ohne dich, inmitten der unendlichen vielfalt der dinge und die spaltung, die sich zwischen uns aufgetan hat, läßt mich alles neu sehen, gibt mir alles neu zu überdenken, schickt mich auf eine entdeckungsreise dorthin, wo ich immer schon war, wo ich eingebunden war, bis die liebe zwischen uns mich entbunden und hinausgeschickt hat.

 

 

 

kunst entsteht, wenn der instinkt, diese (so mallarmé) keusche, unberührte quelle, eines jeden begehrens frei, ungeteilt und ohne zerstreuung, sich bemerkbar macht in der empfindsamkeit eines wieder ursprünglich gewordenen wesens nicht für das, was es gibt, sondern für das, was es, dem mannigfaltigen enthoben, zu ahnen in der lage ist: die leere.

 

 

 

obwohl ganz und gar im sinnlichen sich bewegend, sich dem sehen, dem hören, dem fühlen zuwendend, legt die kunst ein anderes hören, sehen und fühlen nahe, ein fühlen, sehen und hören, das nicht die alltagswahrnehmung wiederholt, sondern diese auflöst, neue räume schaffend, leere schaffend in der (so der talmud) die schöpfung stattfinden kann

 

 

 

während die liebe aus eins zwei macht und die liebenden in die unendliche vielfalt der dinge hinausschickt um diese neu kennenzulernen, so hebt vielleicht die kunst, zunächst, aus der unendlichen kontinuität der sinnlichen empfindungen eine einzelne hervor, entzieht sie der kontinuität und läßt somit die leere ahnen die unter, das heißt: zwischen den dingen weilt.

 

 

 

um uns ist die welt, die mannigfaltigkeit, die end- und anfangslose, in der wir aufgehoben sind, bis die liebe, oder die kunst, uns entbindet und unsere zeit anfängt.

 

 

 

liebe und kunst sind komplizen. sie reißen uns heraus und treiben uns hinein. gnadenlos zuschlagend sind sie uns eine gnade, mit der etwas anzufangen nur unser instinkt, diese unbegierige, klare, reine kraft, in der lage ist.

 

 

 

 

 

antoine beuger, 1999

 

 

 

 

 

Texte

 

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antoine beuger

 

 

 

programmnotiz

 

 

 

 

 

 

 

mich interessiert eine musik, in der das erscheinen der klänge mit ihrem verschwinden zusammenfällt. die unentscheidbarkeit, ob ein klang gerade am verschwinden oder am auftauchen ist, die unentscheidbarkeit zwischen noch nicht da und schon nicht mehr.

 

 

 

im erscheinen verschwindend, im verschwinden erscheinend: die paradoxale natur des ereignisses, das nie gegenwärtig ist.

 

 

 

ist eine musik des ereignisses möglich, d.h. eine musik deren zeit sich der gegenwärtigkeit entzieht? eine musik, deren qualität nicht in ihrem stattfinden liegt, sondern in der unentscheidbarkeit, ob sie stattgefunden hat oder nicht?

 

 

 

 

 

 

 

antoine beuger, 2000

 

 

 

 

 

Texte

 

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Aus: Eva-Maria Houben, Alte Musik mit neuen Ohren. Schubert – Bruckner – Wagner - ..., Saarbrücken, 2000

 

 

 

Antoine Beuger, unwritten page

 

Unschärfe des Scharfen, Schärfe des Unscharfen

 

 

 

 

 

 

 

(...)

 

 

 

Kompositionen von Antoine Beuger machen immer wieder auf das Aufhören des Klanges aufmerksam. Klang schwingt ein, damit er aufhören kann. Die Unschärfe der Übergänge von Stille zu Klang, von Klang zu Stille, von Klang zu Klang, von Stille zu Stille und die Unschärfe von Beginn und Schluß werden ins Zentrum der Wahrnehmung gerückt. Dabei wird die Musik aufs äußerste reduziert. Innerhalb einer großen Zeitspanne erklingen oft nur wenige Töne.

 

ins ungebundene für Orgel (1997) beginnt mit einem leisen Ton beliebiger Tonhöhe. "beginn des tons ist beginn des stückes."(1) So wird der Beginn selbst nicht wahrgenommen. Erst wenn das Stück bereits begonnen hat, wird der Einschnitt des Beginns als solcher bewußt. Der bei jedem Orgelkonzert selbstverständliche Zwang zur Entscheidung, jetzt gleich zu beginnen, wird hier wie mit Scheinwerfern beleuchtet; es entsteht eine Grauzone zwischen jetzt gleich und gerade eben. Der nächste Einschnitt erfolgt nach zehn Minuten, weil ab jetzt die Sicherheit der Anwesenheit des Tones verlorengeht; zehn Minuten nach Beginn kann der Ton jederzeit aufhören: "frühestens nach 10, spätestens nach 40 minuten, endet der ton." Die nächste Zäsur wird gesetzt, wenn der Ton tatsächlich aufhört, spätestens nach 40 Minuten. Das Aufhören des Tons ist ein Schnitt: Ab jetzt ereignet sich nichts Bestimmtes mehr bis zum Schluß des Stückes "frühestens nach 60, spätestens nach 90 minuten". Der Schluß ist der letzte Einschnitt. In dieser Musik ist der Ton fast nur da, damit er nach seinem Aufhören abwesend sein kann. Während seiner Anwesenheit verändert sich der Ton mit der Wahrnehmung des Hörers: Der Ton wird - je nach Registrierung - als mehr oder weniger geräuschhaft empfunden; unterschiedliche Teiltöne sind im Laufe der Zeit herauszuhören; der Ton verändert seine Farbe bei Kopf- und Körperbewegungen des Hörers. Während der Abwesenheit des Tons verändert sich die Stille. ins ungebundene für Flöte (1998) verunklart die Schnittstelle zwischen den Phasen der An- und Abwesenheit des Tons, weil der von der Flöte gespielte Ton, der "eher tief. eher kurz. sehr leise" ist, während seiner Anwesenheit "ganz ab und zu" klingt: So bleibt nach seinem letzten kurzen Erklingen längere Zeit unklar, ob es wirklich das letzte Erklingen war oder ob der Ton noch einmal (und noch einmal etc.) auftreten wird.(2) Die plötzliche Abwesenheit des Tons im Orgelstück wird als blitzartiger Schnitt erlebt. Die Unschärfe dieses scharfen Schnitts entsteht durch seine Blitzhaftigkeit. Er ist immer schon längst vorbei, sobald man seiner gewahr wird: Unschärfe des Scharfen. Im Hinblick auf das Flötenstück hingegen könnte zunächst der oberflächliche Eindruck entstehen, daß der Ton, der eben nicht kontinuierlich, sondern "ganz ab und zu" klingt, sich allmählich verabschiedet; dieser Eindruck täuscht. Die Stille zwischen den Tönen ist eine andere Stille als die Stille nach dem letzten Ton. Der Ton ist ebenso plötzlich nicht mehr da wie der kontinuierlich angehaltene Orgelton: Schärfe des Unscharfen. Vom Paradox des unscharfen, unklaren Schnitts und - auf der anderen Seite - des scharfen, klaren Übergangs her sind Entscheidungen zu treffen und vom Hörer nachzuvollziehen. Das Ende des Orgelstücks ist insofern problematisch, als der Ausführende, je nach den räumlichen Verhältnissen, häufig unsichtbar bleibt. Was heißt da: "frühestens nach 60, spätestens nach 90 minuten, endet das stück .."? Das Ende des Stückes für Flöte ist klar: "nach frühestens 60, spätestens 90 minuten, endet das stück." Es endet mit einem Abgang, einem Abbruch, einem Abbau, in jedem Fall mit einem Schlußstrich, der die unscharfe Trennschärfe vor Augen und Ohren führt. Der Ausführende des Orgelstücks muß sich etwas einfallen lassen, um ein deutliches Ende zu markieren: So kann er beispielsweise ein anderes Stück spielen oder seinen Abgang inszenieren. Es ist Aufgabe des Interpreten, das Ende klar zu machen, damit die Unklarheit des Klaren ans Licht kommt, damit die Unschärfe des Schnittpunktes bewußt werden kann. Ein drittes Stück, ins ungebundene für Sprechstimme (1999), ähnelt der Version für Flöte: Der menschliche Atem kann nicht wie der Orgelatem mindestens zehn Minuten lang ausströmen und erst dann aufhören zu fließen. Wie im Flötenstück der Ton "ganz ab und zu" erklingt, so erklingt diesmal "ganz ab und zu" das Wort "und".(3) Die Stille nach dem letzten Erklingen des Wortes läßt wie die Stille nach dem letzten Erklingen des Tons im Flötenstück den Hörer im Ungewissen, ob dies das letzte Erklingen war oder nicht, ob das Wort noch anwesend oder schon abwesend ist. Der Schnitt ist wie im Flötenstück unscharf in der Wahrnehmung der Hörer und zugleich scharf bezüglich seiner Endgültigkeit und Unwiderruflichkeit. Die Konjunktion "und" führt immer weiter. Mit jedem Erklingen und Verklingen, auch mit dem letzten Erklingen und Verklingen, schafft das Wort die Verbindung zum Danach. Mit dem Orgelstück ins ungebundene teilt das Stück für Sprechstimme das Motto, ein Wort aus Friedrich Hölderlins Gedicht Mnemosyne: "Und immer / Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht."(4)

 

 

 

(...) 

 

 

 

In den neueren Stücken für zwei Ausführende von Antoine Beuger spielt jeder der beiden in einem eigenen, begrenzten Zeitraum, ohne daß es zu Überschneidungen der Zeiträume kommt. ein ton. eher kurz. sehr leise für zwei Ausführende (1998) zieht sehr präzise Grenzmarken im 30-Sekunden-Takt: Einer spielt den eher kurzen, sehr leisen Ton "einmal in der ersten hälfte jeder minute", einer "einmal in der zweiten hälfte jeder minute". "irgendwann" spielt einer der beiden den Ton nicht mehr, und dann auch nicht mehr bis zum Ende, "irgendwann" spielt auch der andere den Ton nicht mehr, ebenfalls dann nicht mehr bis zum Ende des Stückes.(5) Das Aufhören ist also für die beiden Ausführenden endgültig. Das Stück soll "mindestens 30 minuten" dauern. Wenn nach 30 Minuten keiner der beiden aufgehört hat, geht es weiter; haben beide bereits sehr frühzeitig aufgehört (vielleicht schon in der ersten Viertelstunde), kann das Stück über die Minuten-Marke hinaus weitergehen oder auch nicht; es kann auch vorkommen, daß einer der beiden sehr früh aufhört zu spielen, einer erst nach Stunden, in diesem Fall kann das Stück mit dem Aufhören des letzten Ausführenden zu Ende sein oder auch weitergehen. Die engen Begrenzungen der auf jeden der zwei Ausführenden zugeschnittenen Zeitraster und der Zeitrahmen des Stückes insgesamt erweisen sich als Markierungen eines Spielraums, in dem unterschiedliche Entscheidungen des einzelnen möglich werden, Entscheidungen, die sich auch auf die Nähe oder Entfernung des einzelnen vom andern auswirken.

 

Auch das Stück aus dem garten für zwei Ausführende (1998) läßt eine besondere Beziehung der beiden Ausführenden zueinander entstehen. Wieder spielen beide einen Ton, "eher kurz", "sehr leise". Die Zeiträume werden diesmal weit auseinandergefaltet, die Grenzen weit gesteckt: "die beiden ausführenden haben abwechselnd 10 minuten zeit." "das stück dauert mehrere stunden."(6) Diesmal aber hört keiner der beiden endgültig auf zu spielen, wenn er den Ton einmal nicht gespielt hat. Die beiden Ausführenden spielen in den ihnen jeweils zugewiesenen Zeiträumen von zehn Minuten Dauer den Ton oder auch nicht: "in ihrer jeweiligen zeit spielen sie einmal den ton oder bleiben still." Nach mehreren Stunden kann das Ende eintreten: Das ein- oder auch mehrmalige Ausbleiben des Tons aber ist noch kein Zeichen für das Ende. Auch kann nicht einer allein das Ende bestimmen, das aber definitiv zu bestimmen ist.

 

An diesen Stücken für zwei Ausführende ist vielleicht deutlicher noch als an den Solostücken zu erkennen, worin die Stille sich von der Pause unterscheidet. Auch die Pause kann eine veränderliche Dauer haben; variable Dauer ist wohl weniger eine spezielle Eigentümlichkeit der Stille. Doch: In der Stille entsteht Raum als weiter Außen- und Innenraum. Beim Übergang von Klang in Stille entfaltet sich der Raum durch seine Weitung und Öffnung nach außen und nach innen hin. In der Stille horcht das Ohr in die Weite des geschaffenen Raumes, wirkt sich die An- und Abwesenheit von Menschen, Dingen und Klängen im Raum aus, werden die Beziehungen zwischen Ausführenden und Hörern als unsichtbare Fäden im Raum sichtbar. Es scheint, daß der Stille mehr als der Pause diese Räumlichkeit zu eigen ist, die nicht ein Maß abgibt, sondern als Räumlichkeit leibhaftiger Anwesenheit und Abwesenheit, konkreter Existenz im Raum und wirklicher Atmungen zu verstehen ist. Als eine solche erfaßt sie auch den zeitlichen Aspekt gegenwärtigen Aufmerkens, Achtgebens, Wachseins, Gefordertseins.

 

 

 

(...) 

 

 

 

Ein Spannungsverhältnis zwischen Setzen und Geschehenlassen tut sich auf. So notwendig die kompositorischen Entscheidungen und diejenigen der Ausführenden sind, so sehr besteht der Klang "in seiner ganzen natürlichen Differenzialität" auf Eigenleben. In Beugers Komposition unwritten page für Violine solo (1994) bringen Klänge im Wechsel von Klang und Stille diese "Differenzialität" zur Wahrnehmung, die nicht im einzelnen vorab zu bestimmen, sondern im Augenblick der Ausführung erst zu hören ist: wenn der Klang sich "entfaltet". Im Unterschied zu den bisher erwähnten Stücken wurden einzelne Parameter per Zufallsverfahren festgelegt: die Anzahl der gleichzeitig erklingenden Töne (einfacher Griff oder Doppelgriff), die Färbung des Klanges durch Flageolett-Griff (bzw. der Verzicht auf diese Färbung), die Art des Flageoletts, die jweilige Tonhöhe bzw. die gleichzeitig zu greifenden Tonhöhen (bei Doppelgriff), die Dynamik und die Dauer. Mikrointervalle wurden nicht berücksichtigt.

 

Das Stück stellt einen Ausschnitt aus unendlich vielen Klängen dar, einen Ausschnitt aus einem weiten Raum von Möglichkeiten. In der Partitur ist vermerkt: "unwritten page besteht aus 6 klingenden und 5 stillen Teilen. Die Klänge werden in größter Ruhe gespielt. Der Abstand zwischen zwei Einsätzen ist immer MM = 15. Die Länge eines Klanges wird durch die Länge des Striches bezeichnet. Es gibt kein Legato. Ein bis zum nächsten Einsatz durchgezogener Strich bedeutet: bis möglichst kurz vor dem nächsten Einsatz."(7) Die "stillen Teile" zwischen den sechs Klangfolgen dauern 34, 55, 13, 55 und noch einmal 55 Sekunden. Diese Stille der "stillen Teile" ist eine andere als die Stille zwischen zwei Klängen innerhalb eines "klingenden Teils": Beide Arten der Stille schaffen jedoch Kontinuität. Dort, wo die letzte noch zum gleichförmig beibehaltenen "Abstand zwischen zwei Einsätzen" gehörende Stille am Ende eines "klingenden Teils" auf die Stille eines "stillen Teils" stößt, prallen zwei verschiedene Arten von Stille aufeinander; dort, wo der "durchgezogene Strich" signalisiert, daß der Klang bis zum Einsatz des nächsten gehalten wird, erfolgt doch der Schnitt beim Zusammenprall der beiden Klänge. Zäsuren trennen Klang und Stille, doch auch Stille und Stille, Klang und Klang. Jeder Schnitt aber schafft Verbindung.

 

Die Dauer eines "stillen Teils" ist in Sekunden angegeben, und die Dauer eines Klanges und einer entsprechenden Stille in den "klingenden Teilen" wird am Maß MM = 15 und an der Strichlänge gemessen. In den "klingenden Teilen" entsteht ein Zeitraster aus Pulsationen, in den "stillen Teilen" ist dieses Raster aufgehoben - Wechsel von Gehen und Stehen: "Es ist eine Musik der Einzelklänge, ein ganz langsames, plan- und absichtsloses Dahinschreiten und immer wieder Innehalten, Stille. Ein ganz einfacher Tanz: gehen und stehen. Zeit in Bewegung, Zeit als Intensität."(8) Dem Wechsel von "klingenden" und "stillen Teilen" entspricht der Wechsel von Gehen und Stehen, der auch als ein Wechsel von äußerer und innerer Bewegung aufgefaßt werden kann. In der Stille wird die Bewegung fortgesetzt.

 

"Alle Klänge sind leise. Die Bezeichnungen ‘ppp’ - ‘f’ beziehen sich auf Abstufungen innerhalb eines durchaus leisen Spektrums. Sie sollten eher qualitativ verstanden werden als Grade der Präsenz eines Klanges, etwas von ‘äußerst zerbrechlich, gerade noch wahrnehmbar’ bis ‘leise, aber richtig präsent’."(9) Die klanglichen Differenzen entstehen durch die Instabilität und Fragilität der Klänge. Notiert sind häufig schwierige Griffe, unterschiedliche Flageoletts in unterschiedlichen Lagen, so daß die Klänge bei der extrem zurückgenommenen Dynamik unterschiedlich ansprechen. Der Spieler ist aufgerufen, sich auf die Aktionen des Klanges einzulassen. Der erste Klang im letzten "klingenden Teil" - nach dem letzten "stillen Teil" von 55 Sekunden Dauer - ist solch ein Klang, der ein reges Eigenleben führt: Die beiden Strichweisen passen kaum zueinander, zwischen dem dis2 und dem dis4 entstehen Schwebungen. Der nächste Klang verliert durch die Aufeinanderfolge an Vertrautheit, obgleich er für sich allein genommen ein eher gewöhnlicher Klang ist; seine Gewöhnlichkeit erscheint in einem anderen Licht:

 

 

 

(1) Antoine Beuger, ins ungebundene für Orgel. Hier auch die folgenden Zitate.

 

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(2) Antoine Beuger, ins ungebundene für Flöte. zurück

 

(3) Antoine Beuger, ins ungebundene für Sprechstimme. zurück

 

(4) Es handelt sich um die 3. Fassung des Gedichts. Vgl. Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke und Briefe. Erster Band. Hrsg. von Günter Mieth, München (3. Aufl.) 1981, S. 394-395. zurück

 

(5) Antoine Beuger, ein ton. eher kurz. sehr leise für zwei Ausführende. zurück

 

(6) Antoine Beuger, aus dem garten für zwei Ausführende. zurück

 

(7) Antoine Beuger, unwritten page, Anmerkungen. zurück

 

(8) Antoine Beuger, in: Textheft zur CD Maderna - Beuger - von Schweinitz - Stiegler, Edition Wandelweiser Records 9606. Clemens Merkel, Violine. zurück

 

(9) Antoine Beuger, unwritten page, Anmerkungen. zurück

 

 

 

 

 

Texte

 

 

 

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