Aus: Eva-Maria Houben, Alte Musik mit neuen Ohren. Schubert – Bruckner – Wagner - ..., Saarbrücken, 2000

 

Veränderung des Hörens durch Grenzerfahrungen

 

 

 

"Die Kontrabaß- oder Monstrum-Ophikleiden sind sehr wenig bekannt. In sehr großen Orchestern könnten sie von Nutzen sein; bisher hat sie aber niemand in Paris spielen wollen, da sie einen Aufwand von Atem erfordern, welcher die Lungenkraft, selbst des stärksten Menschen, überschreitet."(1)

Aufführung neuer Musik, Hören mit neuen Ohren: Erschöpfende, anstrengende Unternehmungen voller Atemlosigkeit. Grenzen der Ausführung und der Wahrnehmung werden berührt und gesprengt; ein Atem ist zu gewinnen, der das Menschenmögliche übersteigt. Alte Musik, gehört mit neuen Ohren: Was war bislang möglich, und was ist weiterhin möglich, weiterhin denkbar? Wie läßt sich so auf Musik vergangener Epochen zurückhören, daß Wahrnehmungsmöglichkeiten entdeckt werden?

Der gemäßigte Klangbereich wird übersprungen: Klänge sind zu laut oder zu leise, zu hoch oder zu tief, zu lang oder zu kurz, Klangfolgen sind zu langsam oder zu schnell. Übergänge werden mit dem Ohr aufgespürt: Übergänge zwischen der Bewegung rhythmischer Impulse und der Bewegung im Innern des Klanges selbst, Entsprechungen zwischen der Motivik und der Teiltonstruktur eines Klanges. Die Grenzen zwischen Klang und Pulsation und zwischen Klang und Geräusch werden durchlässig. Die Wahrnehmung des Hörers wird irritiert und infragegestellt: Ich höre, wie ich immer gehört habe, höre zugleich, daß ich auch anders hören kann. Ich höre, daß ich nur einen Ausschnitt höre. Ich höre, daß ich anders höre als mein Nachbar.

Im Nachhall, der einen Raum schafft, in dem das Ohr dem Verschwinden des Klanges nachspürt, ist zu hören, was nicht mehr und noch nicht zu hören ist. Der sich in der Weite des Raumes verflüchtigende Klang spricht eine Aufforderung aus: Höre weiter, auch und gerade dann, wenn nichts mehr zu hören ist! Das Weiter-Hören führt über die Grenze des Aufhörens hinaus. So wird ein Aufhören zum Auf-Hören, das neue Horizonte erschließt. Die Nachhall-Stille als Zwischenraum nach dem Letzten und vor dem Nächsten wird zum Raum für Verwandlung.

Der Augenblick der Atemlosigkeit und Sprachlosigkeit ist ein Augenblick der Grenzerfahrung. Die körperliche Belastung der Ausführenden ist so groß, daß die physischen Grenzen erreicht werden: Der Atem geht aus. Neuer Atem öffnet neu und führt anders weiter. Ein Ereignis sprengt die Grenzen der Vorstellung, des Begreifens: Die Sprache geht verloren, das Wort bleibt im Halse stecken. Im "Versuch, wieder Sprache zu gewinnen"(2), wird der Schrecken gebannt, wird Distanz zur Katastrophe geschaffen. Der Augenblick der Atem- und Sprachlosigkeit, der als Augenblick höchsten Erschreckens und Staunens den je einzelnen auf die Grenzen der eigenen Körperlichkeit zurückwirft, sprengt zugleich Begrenzungen.

Unter dem Gesichts-(Gehörs-)punkt von Grenzüberschreitung und Maßlosigkeit ist das Alte neu, das Neue alt. Die Grenzen des Körpers, des Ohrs, des Vorstellungshorizonts werden offengelegt, um das Potential einzuholen, das außerhalb dieser Grenzen liegt. Grenzerfahrungen werden auf dem scheinbaren Umweg über Denken gemacht: Und Denken wird auch gesteigertes Fühlen, ein Fühlen mit allen Sinnen.

Wie hält man einen Klang in der Zeit, daß er bleibt und nicht vergeht? Ein Klang ist vergänglich: Der Streicherbogen wird neu angesetzt, der Bläseratem geht zu Ende und wird durch den neuen Atembogen fortgesetzt. Ein unendlicher Atem ist uns nicht gegeben. Aber durch die Hervorkehrung der Übergänge, des notwendigen Richtungswechsels zwischen Hin und Her und Aus und Ein wird Fortsetzung immer wieder neu möglich. An einen Atembogen schließt sich der nächste an; geht der Atem des einen zu Ende, so atmet ein anderer weiter. Die Grenzen werden Übergänge zum nächsten.

 

(1) Hector Berlioz, Instrumentationslehre. Ergänzt und revidiert von Richard Strauss. Teil 1, Leipzig o.J., S. 362. zurück

(2) Nach einer Ausführungsanweisung für Kundry; vgl. Richard Wagner, Parsifal, II. Aufzug. zurück

 

 

Literaturhinweise

 

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