Michael Pisaro


 

harmony series 11 - 16

 

 

 

 

Best Nr.:          

EWR 0710

 

Tonträger:

CD

 

Komponist:

Michael Pisaro

 

Interpret:

Johnny Chang (Violine)

James Orsher (Harmonium)

Kathryn Pisaro (Oboe/Englischhorn)

Michael Pisaro (Gitarrre/Sinustöne)

Marc Sabat  (Violine)

Mark So (Klavier)

Greg Stuart  (Schlaginstrumente)

 

 

 

 

 

 

 

irgendein ton, in  irgendeiner stimmung

 

Die Welt von Michael Pisaro's Harmony Series ist ganz auf den Prozess der Transformation ausgerichtet.

In dieser Sammlung von 34 Stücken (neun davon werden hier vorgestellt) wandelt der Komponist eine große Anzahl sehr vielfältiger Gedichte zu verbalen Partituren um. 

 

Zunächst wird jedes Gedicht im wahrsten Sinne des Wortes abgepaust, als würde man eine Schablone herstellen.

So könnte aus einem fünfzeiligen Gedicht ein fünfminütiges Stück werden. Diese Vorgehensweise ist bewusst sehr konkret und einfach. Sie stellt einen stabilen Raum bereit, aus dem sich das jeweilige Stück entwickeln kann. Nennen wir dies: Architektur.

 

Im zweiten Schritt spürt der Komponist der inneren Dynamik des Textes nach. Wenn etwa ein Text in sich immer vielschichtiger wird, könnte das gedeutet werden als Übergang von einem kaum wahrnehmbaren zu einem deutlich hörbaren, komplexen Klang. Der Komponist versucht, die Bewegungsenergie des Gedichtes zu nutzen und dessen Fluss nicht zu blockieren. Evokative Textausdeutungen werden gemieden zugunsten einer eher direkten Umsetzung. Die Komposition nähert sich dem Gedicht asymptotisch an, so dass sich für die Ausführenden ein ganz zarter Nebel von Möglichkeiten, in eine Aufführung einzustimmen (bzw. sie umzustimmen), entfalten kann.

Nennen wir dies: Material.

 

Ein Stück wird in Bewegung gesetzt, wenn der Nebel -  ganz zart und leicht - durch die Schablone gesprüht wird (man kann dabei auch an ein Leitbahnnetz, einen Nadelstich oder einen Filter denken).  Dieser Vorgang erzeugt eine dynamische Situation. Die Ohren der Ausführenden stellen sich immer präziser ein, wenn eine Version anfängt, Gestalt anzunehmen - dieser Moment ist unverkennbar. Ein leichtes Flattern scheint im Gewebe des Stückes auf. Wir nehmen Klänge wahr, die nicht auf einzelne Ausführende zurückgeführt werden können.

Eingenommen durch dieses Flattern weiß (oder spürt) man nach und nach, welche Klänge jetzt die richtigen sind, auch wenn es dafür keine ausdrücklichen Regeln gibt. Das Stück denkt. Nennen wir dies: Berührungspunkt.

 

Den Ausführenden mag die Wegstrecke zwischen Partitur und Verwirklichung oftmals unmöglich lang vorkommen.

Diese Entfernung zu durchreisen, ist aber die entscheidende Erfahrung dieser Musik.

Jede Realisierung bringt so gleichsam ihr eigenes Wettersystem hervor, in dem komplexe Beziehungen nicht nur zwischen (und in) den Klängen, sondern auch zwischen den Ausführenden geschaffen werden.

Auf der anderen Seite der Schablone befinden wir uns in einer unbekannten Welt - sonnenfern, lebhaft -, versunken in ein zart kreiselndes Gemisch aus Ton, Rauschen und Stille, das Radio eingestellt auf eine bislang ungehörte Station. Nennen wir dies: Harmonie.

 

Greg Stuart