Texte

 

 

 

 

 

Eike Wittrock:

In der Wüste der Stille - Ein Kommentar zu Michael Pisaros “everyday“

 

Ein Instrument mit vier Faltungen (1997)

 

Der Untergrund der Zeit (1997)

 

Treffer oder daneben (1998)

 

 

 

 

 

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Michael Pisaro

 

EIN INSTRUMENT MIT VIER FALTUNGEN

 

 

1.) Ein Klang

 

 

 

Ein Streichquartett ist ein Instrument mit vier "Faltungen" – ein Klangmaterial in vier Teile eingefaltet. Die eigentlichen Instrumente des Quartetts - Violine, Bratsche und Violoncello - verkörpern, in Bergsons Terminologie, graduelle Differenzen, keine Gattungsunterschiede. Zusammen bilden sie ein Monochord, eine verschiedentlich gestimmte Saite, eine Kontinuität. (In zwei neuen Streichquartetten, distance (II) und here (4/1) , verwende ich zwei Bratschen anstatt zwei Violinen, so daß die eine Saite sich von der Mitte her nach außen zu verzweigen scheint und das Gewicht von den Extremen in die Mitte verlagert wird.)

 

 

Wenn ich zu schreiben anfange, entscheide ich mich oftmals zuerst für einen einzelnen Klang. Mein Ziel ist, daßß dieser einzelne Klang das Stück wird. Oder vielmehr: das Stück handelt vom "Werden" dieses Klanges. Die Konzentration auf einen Klang hat mehrere Verzweigungen, die sich als Vorliebe für einen Spieler, ein Instrument, ein Ereignis, eine Stille, usw., ausdrücken.

 

 

Mit jedem einzelnen musikalischen Element geht jedoch eine Vielheit einher. Die Konzentration auf eine einzelne Sache offenbart letztendlich deren Vermögen viele Sachen zu sein. Oder wie es Gilles Deleuze formuliert: "jeder Umriß (verschwimmt) zugunsten der formalen Vermögen des Materials (. . .), die an die Oberfläche steigen und sich als ebenso viele zusätzliche Umwege und Faltungen darstellen."

(Die Falte, S. 32) Die verschiedenen Instrumente, die vier Saiten, die Spielweisen, die Register, usw., erscheinen als vielschichtige Falten. Ein Einzelereignis, das sich in der Zeit entfaltet, ist zuerst ein Zusammengesetztes, das dann auseinandergenommen wird. Hier ist das Viele im Einzelnen enthalten und ein notwendiger Ausdruck desselben.

 

 

2.) Die Zahl 4

 

 

In Sol LeWitts Wall Drawing No. 63 (1971), wird die Zahl 4 graphisch dargestellt. Eine Wand wird in 4 horizontale Teile aufgeteilt. Der oberste Abschnitt wird der Länge nach widerum in 4 Teile geteilt, in denen jeweils eine Art von Linien zu einem Muster wiederholt wird: vertikal, horizontal, diagonal (rechts-links), diagonal (links-rechts). Der zweite Abschnitt besteht aus den 6 möglichen Kombinationen von jeweils zwei solcher Muster. Der dritte Abschnitt besteht aus den 4 möglichen Kombinationen dreier Muster. Der vierte Abschnitt besteht aus der einzig möglichen Kombination aller 4 Muster. Auf diese Weise erschöpft die Wandfläche die möglichen Kombinationen von vier Differenzen. Es wird klar, daß es keinen

Ursprung gibt: die Vorstellung, daß die Zeichnung von unten nach oben gemacht wurde und so das Zusammengesetzte in seine Elemente zerlegt, macht genauso viel Sinn als die umgekehrte Vorstellung, bei der sich die Zeichnung zum Zusammengesetzten hin entwickelt. Mit anderen Worten: es ist sowohl eine Komposition als eine Dekomposition.

 

 

Genauso beim Streichquartett, das sich von einzelnen Instrumenten über Duos, Trios bis zum zusammengesetzten Quartett hinaufarbeitet:

 

 

1.)       vln       vla 1    vla 2    vc

 

2.)       vln/vla 1          vln/vla 2          vln/vc              vla 1/vla 2       vla 1/vc           vla 2/vc

 

3.)       vln/vla 1/vla 2 vln/vla 1/vc     vln/vla 2/vc     vla 1/vla 2/vc

 

4.)       vln/vla 1/vla 2/vc

 

 

Keine Anstrengung von Elliott Carter oder Beethoven oder sogar Charles Ives in seinem Zweiten Streichquartett ist in der Lage diese wesentliche Kontinuität dauerhaft aufzuspalten.  

 

 

In meinem Werk für Streichquartett, wird die Kontinuität systematisch in die sie zusammensetzenden Elemente zerlegt: Solos, Duos, Trios, Quartette; Dichtegrade von 1 bis 8 Tönen; pizzicato gegenüber arco; kurze Dauern gegenüber lange Dauern, usw. Sie sind lediglich die Präsentation eines Zusammengesetzten als Sequenz.

 

 

Musik wird überwiegend in einfachen ganzen Zahlen gedacht: ein Instrument, der einzelne Ton, das Unisono; das zweiteilige Metrum, die Periode, die zwei Manuale des Cembalos; die Triosonate, der Dreiklang, die dreiteilige Form; der Choral, die 4 Saiten von Geige, Bratsche, Violoncello oder Kontrabass, die Orchestergruppen. Diese ganzen Zahlen bilden Mengen mit nur wenigen Elementen, deren Permutationen leicht erschöpft werden können. Musik ist immer im gewissen Sinn eine Dekomposition solcher Mengen. Aber mit der Dekomposition findet

gleichzeitig eine Rekomposition statt, die uns zum ursprünglichen Kompositum zurückbringt. Manche Musik erscheint zielgerichtet, indem sie aus dem Entfalten ein Thema macht und einen Umriß kreiert. Ich denke aber, daß das nur eine Illusion ist. Es gibt keinen Ursprung und keinen Endpunkt. Die ganze Bedeutung liegt im kontinuierlichen Entfalten und Zurückfalten; im Übergang.

 

 

3.) Übergang

 

 

Obwohl alle akustischen Klänge ständig im Übergang sind, ist der gestrichene Klang eine Besonderheit, da er diese akustische Tatsache physikalisch (und leicht nachvollziehbar) manifestiert. Während der Bogen an der Saite entlang geht, greifen die Bogenhaare unaufhörlich die Saite und lassen sie wieder los; jedes einzelne Haar handelt in einem komplexen Verhältnis zu den anderen; insgesamt wird so ein Klang erzeugt, der aus vielen winzigen Klängen und Pausen besteht. Der Bogen macht noch einmal deutlich, daß der Klang eine Sammlung unendlich

vieler winziger Perzeptionen ist, so wie eine Linie die Menge unendlich vieler Punkte ist. "Um in der Zeit existieren zu können, muß sich der Punkt wiederholen." (Xenakis)

 

 

Aber die Wahrnehmung eines Klanges reorganisiert diese Reihe unendlich

winziger Ereignisse. Ein Gesamtklang kann nicht auf einmal gehört werden, besonders nicht, wenn er angehalten wird. In seinem Versuch mit der Vielfalt der Informationen fertig zu werden, geht der Geist hin und her zwischen aktivem Zuhören und Ausklammern des Klanges. Dieses Ausklammern schafft eine Stille, in der es Zeit gibt den komplexen Reiz zu analysieren. Inzwischen nimmt das Ohr die sich fortsetzenden Ereignisse, die den Klang bilden, zur Kenntnis. In den Zustand des Zuhörens zurückkehrend, eilt der Geist der Gegenwart nach. So scheint

sich das Hören auf zwei Ebenen gleichzeitig abzuspielen; eine in der Zeit, die andere außerhalb der Zeit. Durch seine Tätigkeit außerhalb der Zeitstruktur des Klanges, schmilzt der Geist das unendlich Viele zu einem Ganzen zusammen. Dieses Ganze unterscheidet sich dann erheblich von der Vielheit der nicht wahrnehmbaren Momente. Genauso wie man sich ein Gesamtbild von der Vielheit der mit einem Bogenwechsel einhergehenden Positionen macht, macht man sich ein Gesamtbild eines Klanges.

 

 

Dieser Effekt, der mich immer wieder fasziniert, ist besonders augenfällig bei angehaltenen gestrichenen Klängen. In here (4/1) stehen sehr lange Klänge, die eine nahezu unmerkliche Bewegung des Bogens verlangen (in den beiden äußeren Teilen), Klängen mit vergleichsweise kurzen Dauern, wie pizzicati, in den mittleren

Teilen gegenüber. Weil mit der Bogengeschwindigkeit der Charakter dieser Gegenüberstellung subtile Transformationen erfährt, ändert sich in distance (II) die Bogengeschwindigkeit von einem Teil zum nächsten. (Die Teile bestehen jeweils aus Bogenlängen von einer, zweieinhalb, fünf oder zehn Sekunden.)

 

 

4.) Vielheit

 

 

Ich glaube, daß es drei Arten von Stille gibt. Auf der tiefsten Ebene wendet sich das Hören nach innen und der Geist ist still. Diese absolute Stille ist das Ergebnis sorgfältiger, anhaltender Übung und wird selten erreicht. Die nächste Stufe ist die oben beschriebene Art der Stille. Diese Stille ist das Ergebnis der Zäsur, die der Geist im Prozeß des Hörens erzeugt, wenn er sich der Verarbeitung des Klanges

zuwendet. Auf der dritten Stufe, an der Oberfläche, ist das, was zwischen den Klängen passiert, "Stille", die eigentlich gar keine Stille ist. "Stille" ist die Offenheit für jede Kontingenz, das heißt, für jeden Klang. Die Singularität des Werks fließt in eine Vielheit hinein, indem es das Zusammengestzte entfaltet und es den "zusätzlichen Falten" ermöglicht, die Oberfläche auszufüllen. Indem sie für "Stille"

offen bleibt, dehnt sich die Oberfläche dann zu einer noch weiteren Vielheit aus, an der die Ausführenden und das Publikum teilhaben. Diese "Stille" ist ein Übergang von der Gegenwart in die Vergangenheit und zu allem, was folgt, da sie bereits Teil eines jeglichen Klangs ist (nicht nur eines Streichquartetts).

 

 

Ein Streichquartett sitzt ruhig, wartend auf den Beginn des nächsten Klangs. Ihr Umriß verschwimmt; es gibt, für einen kurzen Augenblick, kein "wir" und "sie"; nur ein "wir". Das Auslöschen dieser Grenzen macht uns noch größerer Begrenzungen bewußt (der Wände des Saales, zum Beispiel). Wenn wir den Konzertsaal verlassen, werden auch diese ausgelöscht.

 

 

 

Michael Pisaro

1997

 

Texte

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Michael Pisaro

 

DER UNTERGRUND DER ZEIT

 

 

 

Musik geht der Grenze zwischen Klang und Stille nach. Sie wischt die Grenze aus und zeichnet sie wieder ein, mit einer ganz feinen Linie. Oder sie errichtet eine Mauer, um diese bald wieder abzureißen. So bestimmt Musik das Maß der Weite, indem sie Markierungen setzt. Wir messen Entfernung, indem wir sie begrenzen; wir wachsen, indem wir die Begrenzung verlegen, so weit unsere Vorstellung reicht.

 

 

 

Weite und Begrenzung existieren überall, ohne kulturelle oder geographische Einschränkung. Der Himmel, der Ozean, die Prärie, die Küstenlinie oder die Berge: die Idee von Unermeßlichem, von unerreichbaren Orten, von unmeßbaren Entfernungen, gehört zum Alltag auf jedem Kontinent. Diese Empfindung, die über das Auge leicht erlebt werden kann, ist auch über das Ohr erfahrbar.

 

 

 

Nachdem die Musik sich in ihrer Geschichte meist in engen Straßen voller Läden und Verkehr aufgehalten hat, kann sie nun im Freien wandern und sich im Verhältnis zum Unbegrenzten definieren.

 

 

 

Eine Gruppe von Komponisten hat sich zusammengefunden, um in gegenseitiger Unterstützung diese Grenzlinie zu erkunden. Sie möchten erfahren und von den Erfahrungen der anderen lernen, da - wie in jeder experimentellen Arbeit - Erfahrung der einzige Weg des Wissens ist.

 

 

 

An der Grenze des musikalischen Ausdrucks vergeht die Zeit auf bislang unbekannte Weisen. Jahrelang hat sich Musik darum bemüht, der Zeit eine Struktur aufzuzwingen. Seit der Musik von John Cage kann man Zeit auffassen als etwas mit einer eigenen Struktur. Diese ist nocht von außen auferlegt, sondern bereits da, der Musik nebenher.

 

 

 

Die Zeit wird auf vielfältige Weise durch den Körper erlebt. Das ist die innere Struktur der Zeit. Sie wird bestimmt durch Wiederholung, durch ein Dahinfließen, durch Müdigkeit, durch das Erscheinen von Neuartigem. Sie wird nur in Übergangsmomenten erfahren, wobei Dauer immer erst zurückblickend erfaßt wird. So kennen wir die Zeit.

 

 

 

Das Netzwerk, das uns die Zeit als entscheidenden Bestandteil unserer Daseinsweise erfahren läßt, ist von einem enormen Reichtum. Mit diesem Netzwerk in Kontakt zu sein, heißt glücklich sein. Mit Agnes Martin's Worten: "Freude ist Wahrnehmen".

 

In unserer Musik begegnen sich die Zeit des Hören und die Zeit der Musik auf halbem Wege. Indem die Musik ihren Lauf nimmt, immer unterwegs ist, aber nie in Eile, gibt die Musik dem Zeitgefühl eine andere Richtung. Wir können ihr Fortschreiten ganz leicht verfolgen. Auf diese Weise ist die Musik ein Spiegel, in dem wir uns selbst sehen: gespiegelt durch eine Gaze aus Zeit, die über den Spiegel gespannt ist. Der Klang hält die Gaze auf ihrem Platz.

 

 

Klang bewegt die Luft und ist so immer ein Indikator von Raum und Ort. Noch wichtiger ist aber, daß Klang Zeit braucht um sich entfalten zu können. So sind Klang und Zeit miteinander verflochten: der Klang schwebt auf der Zeit und erlang seine Identität; die Zeit wird durch den Klang markiert und kann wahrgenommen werden,

 

 

Wir bemerken Zeit durch Veränderung. Der Reichtum des Klanges ist seine ihm innewohnende Instabilität. Die instabilsten Klänge sind der Stille am nächsten. Auf der Grenze zwischen Klang und Stille ahnt das Ohr Veränderung. Es ist wach. Stille fordert den Geist zum Hören auf.

 

 

In der Stille, im Still-sein, gibt es Raum für jeden. Die Stille des Hörers und die Stille des Komponisten, bzw. des Spielers ist die selbe: hier befinden wir uns alle auf einer Ebene und erleben das Allerwichtigste, indem wir gar nichts sagen.

 

 

 

Michael Pisaro

1997

 

 

Texte

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Michael Pisaro

 

TREFFER ODER DANEBEN

 

 

 

Im Baseball gibt es einen zentralen Moment: wenn der Ball geworfen werden soll, gibt der Catcher (Fänger) zunächst dem Pitcher (Werfer) der eigenen Mannschaft Handzeichen, um ihm zu zeigen, wie genau. Der Catcher entscheidet sich auf der Grundlage seines Wissens um die Stärken und Schwächen des Pitchers für eine Wurfvariante. Sobald er den Vorschlag zugestimmt hat, wirft der Pitcher so gut wie möglich. Viele Variablen können den Wurf beeinflussen: Geschwindigkeit, der Effet des Balles, Richtungsänderungen. So ist jeder Wurf zwar ein Wurf wie andere, aber zugleich etwas Einzigartiges. Der gegnerische Batter (Schläger), der natürlich den Ball treffen will, kann vermuten, wie der Pitcher werfen wird, sich aber nicht sicher sein. Vielmehr ist der Batter von dem Moment, in dem der Pitcher sich vorbereitet bis zu dem, in dem der Ball auf ihn zukommt, von seiner Wahrnehmung des spezifischen Wurfes abhängig: er zielt mit seiner Schlagkeule, holt aus und - Treffer oder daneben.

 

 

Experimentelle Musik

 

Diese Situation ähnelt solchen, in denen Werke experimenteller Musik erklingen. Experimentelle Musik ist eine Richtung, die etwa zur Zeit von Schönbergs musikalischer Revolution entstand. Mit Komponisten wie Charles Ives, Henry Cowell, Harry Partch, John Cage, LaMonte Young, und Alvin Lucier als zentralen Figuren hat die experimentelle Musik aber eine völlig andere Entwicklung genommen als die Zweite Wiener Schule; sie ist eine eigenständige Richtung der Musik des 20. Jahrhunderts. Übertragen wir das obige Baseball-Szenario auf die experimentelle Musik, dann entspräche die Rolle des Komponisten der des Catchers: beide machen Zeichen, die andere lesen sollen, beide geben Orientierungen. Wie der Catcher im Baseball hat der Komponist Wissen über die Gesamtsituation, und wie jener macht er darauf basierende Voraussagen, was sich ereignen könnte. Davon ausgehend wählt er die beste Lösung und versucht, sein Spiel zu machen.

 

 

Zentrale Rolle des Interpreten

 

Indem er die Zeichen des Komponisten liest und dann sein Bestes tut, um sie zu realisieren, gleicht der Interpret experimenteller Musik dem Pitcher im Baseball. Denn: auch in der experimentellen Musik hängt sehr viel davon ab, wie der Empfänger die Anweisungen realisiert. Ich selbst als Komponist experimenteller Musik gehe davon aus, daß etwa die Hälfte dessen, was ein Publikum hört, von den Entscheidungen des Interpreten abhängt. Denn letztlich, im Moment der Aufführung, ist er derjenige, der die größte Kontrolle über die Situation hat. Ein experimentelles Stück stellt dem Interpreten sozusagen einen Rahmen zur Verfügung, mittels dessen ihm einige Aspekte der Musik sehr genau vorgegeben werden, der ihm aber auch wichtige Entscheidungen über die konkrete Gestaltung zur Entscheidung überläßt.

 

Bleiben wir bei dem Vergleich mit dem Baseball, dann entspricht die Rolle des Publikums der des Batters: ein Zuhörer oder eine Zuhörerin kennt niemals den gesamten Hintergrund einer Komposition, die sie erleben. In meiner Musik ist es sogar die Regel, daß der Interpret bei jeder neuen Aufführung eine neue Fassung eines Stücks realisiert - so kann nicht einmal ein Zuhörer, der ein Werk von einem Konzert kennt, voraussagen, wie dessen Details bei einem anderen strukturiert sind (obwohl die Klänge dieselben sein können). Die wichtigste Eigenschaft eines Zuhörers ist also seine Sensibilität für alle Qualitäten des Klangs und seines Umfelds, die ihm tatsächlich begegnen - in der gleichen Art und Weise, wie der Batter im Baseball alle Aspekte der Ballbewegung beobachten muß. Ein grundsätzlicher Unterschied der beiden Szenarien ist für mich allerdings, daß ich lieber das Publikum einen Home-Run machen sehe, als daß ich den Ball nicht treffe.

 

Im Baseball kommen alle Faktoren in dem Moment zusammen, in dem der Batter die Schlagkeule schwingt, um den Ball zu treffen: sein Erfolg beim Erkennen der Absichten des Pitchers, die Fähigkeit des Pitchers, gut zu werfen und die des Catchers, den Wurf richtig zu sehen. Der Batter kümmert sich in diesem Moment nur darum, den Ball zu treffen - dabei interessieren ihn nicht seine Gefühle, sondern nur die Frage, ob das gelingt. In diesem Moment konzentriert sich Baseball auf eine grundsätzliche Alternative - Treffer oder daneben.

 

Diese grundsätzliche Alternative gibt es auch für die Musik. Es wird oft gesagt, daß Musik eine Vielzahl von Emotionen weckt, und das ist kaum zu bestreiten. Doch meinen Erfahrungen nach steht vor der Frage, was genau ich bei einem Musikstück fühle (eine sekundäre und sehr veränderliche Entscheidung), die Frage, ob ich überhaupt etwas empfinde und erlebe.

 

 

Musik schafft Emotionen

 

Ich bin in der Nähe von Detroit aufgewachsen. Rock'n'Roll, speziell der Motown-Sound, war damals die Musik, die mir am meisten zusagte. Zwei meiner Lieblingssongs waren (und sind) "Papa was a Rolling Stone" und "My Girl" von den "Temptations". Der erste handelt von einer armen schwarzen Familie, deren Ernäherer ermordet wurde, der zweite ist eine Art Musical-Version eines Shakespeare-Sonetts. Als jemand, der als Weißer im relativen Wohlstand aufgewachsen ist und der im Alter von sieben Jahren die Liebe noch nicht entdeckt hatte, konnte ich damals noch keine Ahnung von dem haben, was die beiden Songs beschreiben. Obwohl die in ihnen besungenen Gefühle damals ein Geheimnis für mich waren, vermittelten mir die Songs schon zu dieser Zeit eine ganze Welt, die zu beschreiben ich noch heute nach Worten suche.

 

So glaube ich daran, daß Musik in der Lage ist, Gefühle nicht nur zu wecken, sondern zu erschaffen. Das erste und wichtigste dieser Gefühle ist die Freude, auch auf subtilste sinnliche Reize zu reagieren. Diese Freude muß derjenigen sehr ähnlich sein, die ein Batter beim Home-Run empfindet: um zuvor den Ball zu treffen, der sich mit hoher Geschwindigkeit auf einer komplizierten Bahn bewegt, muß er mit seinen Sinnen bis an die Grenzen gehen.

 

Die Ohren sind wie der gesamte Apparat der Sinneswahrnehmungen unglaublich fein gebaut. Wie es Ronald Johnson in seinem Gedicht "Ark" beschreibt:

"Die Ohrmuschel leitet den Klang zu einer Trommel aus einer Membrane - und der Druck der notwendig ist, um diese Trommel zu schlagen, entspricht der Intensität von Licht und Hitze einer 3000 Meilen entfernten Glühlampe im leeren Raum. An der Schwelle zum Hören entspricht die Schwingung des Trommelfells dem Durchmesser des kleinsten, des Wasserstoffatoms".

Musik regt diese unglaubliche Empfindlichkeit an, über die jeder mit einem gesunden Ohr verfügt. Damit sich diese Sensibilität voll entfaltet, muß sie herausgefordert werden.

 

 

Sinneswahrnehmung herausfordern

 

Als Komponist geht es mir genau darum. Um die Sinne herauszufordern, um ihnen und dem Geist die Möglichkeit zu geben, sich an ihren Fähigkeiten zu erfreuen, muß ich nicht unbedingt "schwierig" komponieren. In meiner Musik geht es um die Grenzen der sinnlichen Wahrnehmung: manchmal arbeitet sie mit den praktisch unhörbaren Veränderungen des Klangs eines scheinbar stabilen Tones, manchmal mit der oft unhörbaren Grenze zwischen Klang und Stille, mit dem fast unerlebbaren Vergehen der Zeit, mit dem infinitesimalen Unterschied zwischen etwas, das fast simultan und etwas, das wirklich simultan geschieht. In einem solchen Umfeld können die Sinne erleben, wie feinfühlig sie sind, und wenn die Herausforderung gelingt, können wir das Glück fühlen zu leben.

 

In diesem Jahrhundert haben die Komponisten Neuer Musik verschiedene Wege beschritten, von denen viele eine Steigerung von Komplexität mit sich bringen. Doch je komplexer ein Werk ist, desto schwieriger ist es, ihm zu folgen. Daß ein ungeübter Musikhörer deshalb vor Problemen steht, ist einleuchtend: oft kann nur jemand, der die komplizierte Geschichte der Neuen Musik und ihrer Methoden kennt, ein solches Werk wirklich genießen.

 

Ich arbeite auf ein anderes Ziel hin, suche nach Wegen, Musikstücke zu schreiben, deren Beziehung zum Hörer so direkt wie nur möglich ist. Jeder, der genau zuhört, sollte in der Lage sein, zu verstehen, was in meiner Musik vor sich geht. Wie die meisten experimentellen Musiker strebe ich danach, so weit wie möglich auf vordergründige formale Komplexität zu verzichten: das Werk selbst ist einfach und direkt. Je mehr Komplexität ich vermeide, desto eindrücklicher kann ein Werk werden. Ein Werk sollte wie ein geworfener Ball sein - es sollte auf jemanden zukommen, der sich vorbereitet hat, es zu treffen. Alles, was vor diesem Moment war und was danach sein wird, spielt dann keine Rolle mehr: alles, was jemand in einer solchen Situation wahrnimmt, ist ein einzelnes Ereignis, das seinen besonderen Gesetzen folgt.

 

 

Etwas Besonderes passieren lassen

 

Wenn wir in ein Konzert gehen, hoffen wir, daß sich etwas Besonderes ereignet, und aus Gründen, die nicht völlig klar sind, geschieht das manchmal auch. Ob, hängt davon ab, was zwischen Musikern und dem Publikum passiert. Deshalb ist für mich die Beziehung zum einzelnen Hörer das, was wirklich zählt, und obwohl ich niemals absolute Sicherheit habe, daß ich ihn erreiche, kann ich den Grundstein für einen Erfolg legen. Ich vertraue meinem Gefühl für das, was musikalisch wichtig ist, und davon ausgehend schaffe ich eine Situation, von der ich erwarte, daß in ihr das Besondere passieren kann. Ich gebe die Vorlage, der Interpret übernimmt. Der Zuhörer tritt auf den Plan - Treffer oder daneben.

 

 

Michael Pisaro

1998

 

 

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