Texte
Programmnotiz zu Wasserschloss
Auf die
Körperlichkeit eines Instruments zu verweisen hieße Eulen nach Athen tragen.
Diese ist bekannt und hat Anlass für zahlreiche literarische wie auch
karikaturistische Anspielungen gegeben. So ist die Bezeichnung
"Klangkörper" für ein Instrument oder eine Instrumentengruppe nicht
überraschend. Dabei scheint insbesondere der Verweis auf den menschlichen
Körper als Bezugspunkt von vorrangiger Bedeutung zu sein. Augenfällig ist
hierbei die Parallele von vielschichtig miteinander verknüpften
Regelkreisläufen hier wie dort.
Ob nun auch dem
Klangprodukt selbst eine eigene Körperlichkeit zugeordnet werden kann lässt
sich ungleich schwerer beurteilen. Dies beruht vornehmlich auf dem
nicht-materiellen Wesen der Klänge, welches eine direkte Analogiebildung
erschwert. Tatsächlich ist hier von einer komplexen und sehr eigenständigen,
nicht sicher interindividuell reproduzierbaren Transferleistung des Hörers auszugehen.
So dürfte es schwer fallen, sichere Definitionskriterien zu benennen, die einem
Klang die Qualität "blau" zuschreiben.
Allerdings scheinen
es zwei Faktoren zu sein, die Klängen eine körperliche Fasslichkeit verleihen.
So ist auffällig, dass die jeweilige Analogiebildung eine zentrifugale Tendenz
aufweist und gleichzeitig mehrere höchst unterschiedliche Kategorien
angesprochen werden.
Eine Kategorie
ergibt sich dabei aus dem Verweis auf die materielle Substanz des Klangkörpers.
Dies lässt sich leicht bei einfachem Schlagwerk nachvollziehen, welches
beispielsweise einen "hölzernen" oder "metallischen" Klang
erzeugt. Zwar ist diese Analogiebildung bei komplexeren Instrumenten, die sich
aus verschiedenen Materialien zusammensetzen, schwierig und zwangsläufig
weniger eindeutig, vom Prinzip her jedoch gleich.
Eine andere
Kategorie ist der Verweis auf eine dem Klang qua Erfahrung oder Konvention
zugeordnete Situation, die je nach dem
Heimat oder Fremde darstellen kann. In jedem Fall wird dabei der Klang
in einen funktionalen Bedeutungszusammenhang gerückt, welcher eine sichere
situative Zuordnung ermöglicht[1].
Strikt abzugrenzen
ist ein weiterer Faktor, welcher sich aus dem Nebeneinander von Klang und
Stille ergibt[2]. Hierbei
fungiert die Stille mitnichten als Rahmen, der schmückend und betonend auf das
von ihm umfasste Objekt verweist[3].
Vielmehr entwickelt sich hier durch den Hörer eine Situation des Dialogs welche
im Stande ist, zusätzliche Freiheitsgrade einzuflechten, aus denen sich eine
vieldimensionale Anschauung ergeben kann.
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Programmnotiz zu
Wasserschloss (UA der vollständigen Fassung 12/03)
Thomas Stiegler:
Wasserschloss (1994-2003)
Elf Stücke nach Anagrammen von Unica Zürn
1. In meinem Herzen waechst ein
Huehnerauge
Wenn ruhige Traeume nahen, zeichne
es heim
im Herzen. Meine Ahnen husten.
Graue, weiche
Hechte naehen ihre zween Ringe
aus Mumien.
In meinem Huehnerherzen
waechst ein Auge.
(1959)
[Stimme, Violine, Viola,
Violoncello; 1994]
2./5. Wunderbare Listen
Bunter Wanderseil
wilde Narrenstube
Rabenwein der Lust.
(1956)
[2.: Flöte, Klarinette,
Kontrabass; 2000;
5.: Stimme, Flöte, Klarinette, Violine, Kontrabass; 2000]
3. Mutti, warum schlafen die Fliegen im
Stehen?
Sie gehen um, laufen mitten im
Schlaf weiter.
(1960)
[Stimme, Flöte, Klarinette,
Violine, Viola, Violoncello, Klavier; 1994]
4. Neunzehnhundertsechsundfuenfzig
Sehnsucht zu finden und ferne
zu gehen
fing Sternenhuhn den Fuchs.
Zuende zu
suchen, zu sehn und zu finden,
geht fern.
(1957)
[Stimme, Flöte, Klarinette,
Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass, Klavier; 1994/95]
6. Der Geburtstag des schwarzen Baron
Rabenbrut des Todes –
schwarzer Gang.
(1964)
[Stimme, Flöte, Klarinette,
Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass, Klavier; 11/2003]
7. Hotel de L´Esperance, Zimmer
zweiundvierzig
Prinz vom Meer, du laechelst
reizend, zeig´, wie
du zwei seidener Ziegen
prachtvolle Zimmer
zerzaust. Vier Perlenzeichen
im Gold, wie dem
Tode zur Zierde. Perlzweig im
Veilchensamen,
Perlenzimt im Venuswald. Zierde,
ich zoegere,
dich zu spalten. Vierzig
Zimmer – O Leere – wende
dich weiter, perlend im Meer
von Salz. Zeige zu
weisen Zimmern, Tod. Leid, ich
verzage, Perle zu
Perle – die Zwitscherzimmer –
dein Voegelzaun.
(1956)
[Stimme, Flöte, Klarinette, Violine,
Viola, Violoncello, Kontrabass, Klavier; 2000]
8. Aus dem Leben eines Taugenichts
Es liegt Schnee. Bei Tau und
Samen
leuchtet es im Sand. Sieben
Augen
saugen Seide, Nebel, Tinte,
Schaum.
Es entlaubt sich eine muede
Gans.
(1958)
[Stimme, Flöte, Klarinette,
Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass, Klavier; 10/2003]
9. Das Wasserschloss in
Montpellier
Still – Wasser sind Moos.
Perlaschen-
Rose des roten Psalms will
sich ans
Wind-Lama pressen. Leis´
rollte das
Enten-Ross. Waldpalme riss
sich los.
(1954)
[Stimme, Klavier; 9/2003]
10. Die Nuetzlichkeit ist aller Laster Anfang
Zart sang ein Leichenkleid aus
Flitter alt:
Neuland, Angst, ich friere kalt.
Alle Zeit ist
aller Anfang. Die
Nuetzlichkeit ist Laster.
(1955)
[Stimme, Flöte, Klarinette,
Violine, Viola, Violoncello, Klavier; 1994]
11. Ich weiss nicht, wie man die
Liebe macht
Wie ich weiss, ›macht‹ man die Liebe
nicht.
Sie weint bei einem Wachslicht
im Dach.
Ach, sie waechst im Lichten,
im Winde bei
Nacht. Sie wacht im weichen
Bilde, im Eis
des Niemals, im Bitten: wache,
wie ich. Ich
weiss, wie ich macht man die
Liebe nicht.
(1959)
[Stimme, Flöte, Klarinette,
Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass, Klavier;
11/2003]
Das jeweilige Entstehungsjahr des Anagramms ist in runden Klammer vermerkt. In
eckigen Klammern stehen die Besetzung sowie der Entstehungszeitpunkt der
einzelnen Stücke.
Das vom Thürmchen-Ensemble 1994 uraufgeführte Wasserschloss war mit drei
Stücken (No 1, 3 und 10) und einer Gesamtdauer von knapp drei
Minuten eher ein Schlösschen.
Nummer 5 ist in
seinem ersten Leben ein Stück für das Glockenspiel in Breisach gewesen.
Zum Anlass der Aufführung durch das Ensemble Aventure entstanden als Zugbrücke
die Stücke 2 (Wunderbare Listen ohne
Stimme), 5 (dito, jetzt mit Stimme) und 7.
Der Wassergraben in Form der Stücke 6, 8, 9 und 11 lief erst in diesem
Spätherbst ein.
[1] Als zufälliges Beispiel sei hier auf den Klang einer Kirchenglocke verwiesen. Der hiervon ausgehende Verweis dürfte dabei durchaus unterschiedlich ausfallen. Was den einen zum Kirchgang motiviert mag dem anderen als Bote eines repressiven Weltbilds erscheinen. In jedem Fall ergibt sich ein feststehender Bedeutungszusammenhang, welcher dem Klang körperhafte Qualitäten zukommen lassen kann.
[2] vgl. hierzu die Texte von Jürg Frey "Es gibt das Leben" (1996) und "Architektur der Stille" (1998)
[3] Das Gegenteil ist hingegen nicht selten anzutreffen. Das viel bemühte Beethovenzitat aus den späten Skizzen, nach dem eine Pause den Tod darstellen könnte mag hier als Hinweis darauf angeführt werden, dass Stille inmitten von Klängen dazu tendiert, sich eine klar definierte Bedeutung anzueignen.